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Wanderer zu Vandalen

Die unendliche Geschichte vom Weidenflechtzaun – Lösung im September 2007?

Travemünde 06.08.2007 | Es war Anfang 2005, als in der Ortsrats-Sitzung

Fotos eines Weidenflechtzaunes auf dem Priwall herumgereicht wurden. Niemand

konnte sich den Zweck des schönen, aber etwas deplatzierten Bauwerkes erklären:

Der Zaun versperrte quasi »über Nacht« eine Teil des Priwall-Rundweges.

Vor Ort gab bald darauf eine Hinweistafel Aufschluss über die Motivation

der Bauherren, die einen beispiellosen Proteststurm besonders unter älteren

Spaziergängern auslösten:

Liebe(r) Spaziergänger/in

Dieser Wanderweg ist auf Veranlassung der Naturschutzbehörde Lübeck gesperrt worden. Die Forstbetriebe Lübeck haben uns, das Projekt »Landschaftspflege Naturraum Priwall« (LNP), beauftragt, für eine vernetzende Landschaftstypische Absperrung zu sorgen. Wir hoffen mit dieser Kombination aus Totholzhecke und aufwändigem Weidenflechtzaun, den Ansprüchen gerecht zu werden. Der landschaftspflegerische Nutzen dieser Anlage kommt aber nur dann zum Tragen, wenn Hecke und Weiden als Refugium für die örtliche Fauna unangetastet zur Verfügung stehen. Bitte unterstützen auch Sie unsere Arbeit, indem Sie ihren Unmut über die Absperrung nicht in Vandalismus äußern.

Mit freundlichen Grüßen

HANDWERKSKAMMER LÜBECK

Berufsbildungsstätte Travemünde

Projekt LNP Herr Gentz

Februar 2005: Der Weidenflechtzaun blockiert auf einmal ein Stück des Priwall-Rundwegs. Die Aktion war zwar in der Presse angekündigt worden, aber offenbar überlesen worden oder den Lesern in ihrer Konsequenz nicht klar. Gerade das beliebte Stück am Wasser entland durfte nun nicht mehr begangen und befahren werden. Die Empörung war groß. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
Februar 2005: Der Weidenflechtzaun blockiert auf einmal ein Stück des Priwall-Rundwegs. Die Aktion war zwar in der Presse angekündigt worden, aber offenbar überlesen worden oder den Lesern in ihrer Konsequenz nicht klar. Gerade das beliebte Stück am Wasser entland durfte nun nicht mehr begangen und befahren werden. Die Empörung war groß. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
13. Mai 2005: Bürgermeister Bernd Saxe macht sich auf dem Priwall ein Bild von der Lage vor Ort, nimmt von Anwohnerin Marion Lemke-Stark eine Liste mit 501 Unterschriften entgegen. Foto: JW
13. Mai 2005: Bürgermeister Bernd Saxe macht sich auf dem Priwall ein Bild von der Lage vor Ort, nimmt von Anwohnerin Marion Lemke-Stark eine Liste mit 501 Unterschriften entgegen. Foto: JW
30. August 2005: Von Unbekannten Wanderfreunden werden immer wieder Breschen in den Weidenflechtzaun geschlagen. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
30. August 2005: Von Unbekannten Wanderfreunden werden immer wieder Breschen in den Weidenflechtzaun geschlagen. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL

Den Zorn der Spaziergänger bekamen ungerechter Weise zunächst die 1-Euro-Kräfte vom Landschaftspflege-Projekt zu spüren, die bei den Arbeiten am Zaun übelste Beschimpfungen bis hin zu offenen Drohungen aushalten mussten. Die waren völlig überrascht, glaubten sie doch an einer guten Sache zu arbeiten und hatten sich mit dem an sich schönen Zaun viel Mühe gegeben.

Das Hinweis-Schild am Weidenflechtzaun bleibt nicht lange unversehrt. Durch Vandalismus wird die Anlage immer wieder zerstört. Foto: ARCHIV TA
Das Hinweis-Schild am Weidenflechtzaun bleibt nicht lange unversehrt. Durch Vandalismus wird die Anlage immer wieder zerstört. Foto: ARCHIV TA

Lange blieb der Zaun aber nicht. Immer wieder wurde der Weidenflechtzaun an beiden enden des wenige hundert Meter langen Wegstückes durchbrochen. Dabei wurde zwar niemand erwischt, Erzählungen berichteten aber von Greisen im Rollstuhl, die gestützt von ihrer Krankenschwester an den Zaunpfählen rüttelten. Wanderer wurden zu Vandalen.

Um die Sache in lenkbare Bahnen zu führen, wurden Podiumsdiskussionen auf dem Priwall abgehalten. Erst da wurde vielen erstmals klar, worum es eigentlich ging: Vogelschutz. Wasservögel sollten auf dem kleinen südlichen Nehrungshaken, der auch über eine winzige Sandfläche verfügt, ungestört brüten können. Nach einem Vortrag von Matthias Braun (Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer) wurde schnell klar, dass dazu die bloße Wegabsperrung gar nicht ausreicht. Damit die Vögel sich sicher fühlen, brauchen sie eine »Fluchtdistanz«, die durch die angrenzenden Bäume nicht gegeben war. Den Weidenflechtzaun wieder einzureißen, war aber auch nicht möglich: Die Stilllegung des Teilstückes hing mit weiteren Naturschutz-Maßnahmen wie dem 75 Meter langen Steg an anderer Stelle des Priwall-Rundweges zusammen. Es ging um 40.000 Euro Fördergelder, die dann möglicherweise zurückzuzahlen gewesen wären.

06. Oktober 2005: Nach einer bewegten öffentlichen Sitzung auf dem Priwall    kippt die Stimmung: Matthias Braun vom Landschaftspfeleverein Dummersdorfer    Ufer (links, mit Frank Lammert) hat die Zuhörer mit einem sehr engagierten    Vortrag von seiner Idee eines kleinen Brutgebietes für Seevögel überzeugt.    Die brauchen aber eine Wiese als Fluchtraum vor Angreifern. Sonst können    sie nicht in Ruhe brüten. Dass es jetzt da wieder an der Realisierung hapert,    kann zu dem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
06. Oktober 2005: Nach einer bewegten öffentlichen Sitzung auf dem Priwall

kippt die Stimmung: Matthias Braun vom Landschaftspfeleverein Dummersdorfer

Ufer (links, mit Frank Lammert) hat die Zuhörer mit einem sehr engagierten

Vortrag von seiner Idee eines kleinen Brutgebietes für Seevögel überzeugt.

Die brauchen aber eine Wiese als Fluchtraum vor Angreifern. Sonst können

sie nicht in Ruhe brüten. Dass es jetzt da wieder an der Realisierung hapert,

kann zu dem Zeitpunkt noch niemand ahnen. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL

Man einigte sich mit den Bürgern: Die Hälfte des Wanderweg-Teilstückes,

das wegen seiner Nähe zum Wasser so beliebt war, wurde wieder freigegeben.

Die andere Hälfte sollte zuwachsen. Dazu musste ein neuer Stichweg durch

den Wald geschlagen werden, was auch sehr schnell geschah.

9. Mai 2005: Sandberge für die Befestigung des zusätzlichen Stichweges. Kritiker bemängeln, dass das doch ein Engriff in die Natur sei, den man sich hätte sparen können, wäre der Weg gar nicht erst abgesperrt worden. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
9. Mai 2005: Sandberge für die Befestigung des zusätzlichen Stichweges. Kritiker bemängeln, dass das doch ein Engriff in die Natur sei, den man sich hätte sparen können, wäre der Weg gar nicht erst abgesperrt worden. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
30. August 2005: Für den zusätzlichen Stichweg müssen Bäume fallen. Ob das die Tiere im Wald so gut finden? Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
30. August 2005: Für den zusätzlichen Stichweg müssen Bäume fallen. Ob das die Tiere im Wald so gut finden? Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL

Hinter dem stillgelegten Weg sollten weitere Pappeln fallen, zugunsten einer Wiese (für die Fluchtdistanz der Wasservögel). Der Landschaftspflegeverein würde dort Schafe grasen lassen. So eine Wiese mit Tieren und dem Meeresblick dahinter fanden viele gut. Naturschutzamt Lübeck und Anwohner waren sich einig. Es kam Ruhe in die Sache. Bis heute. Getan hat sich seitdem nämlich nichts mehr.

Matthias Braun vom Landschaftspflegeverein berichtete auf Nachfrage von »Travemünde Aktuell«, dass der Antrag für die »Vogelwiese« vom zuständigen Landesamt für Naturschutz in Kiel vor einem Jahr abgelehnt worden sei. Der Grund war offenbar Geldmangel. In Kiel wollte man alles so belassen, wie es ist. Braun hätte sich eher eine fundierte, sachbezogene Stellungnahme gewünscht. Das mit dem Geld, da ist er sich sicher, kann man über private Sponsoren regeln. Zwischenzeitlich wechselte auch der Amtsleiter in Kiel. Was eine neue Chance sein könnte, dass aus dem Ganzen doch noch etwas gutes erwächst: Wenn der Kieler Amtsleiter am 12. September zur Jubiläumsfeier »30 Jahre Landschaftspflegeverein Dummersdorfer Ufer« kommt, könnte man noch einmal im persönlichen Gespräch darüber reden. RD

15. April 2005: Der Weidenflechtzaun auf einem der wenigen Bilder, auf denen er mal unversehrt zu sehen ist. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
15. April 2005: Der Weidenflechtzaun auf einem der wenigen Bilder, auf denen er mal unversehrt zu sehen ist. Foto: ARCHIV TRAVEMUENDE AKTUELL
01. August 2007: Die Zeit schafft vollendete Tatsachen. Der kaputte Weidenflechtzaun und aufgeschüttete Baumschnitt-Abfälle werden langsam überwuchert, der Wanderweg ist zugewachsen. Foto: RD
01. August 2007: Die Zeit schafft vollendete Tatsachen. Der kaputte Weidenflechtzaun und aufgeschüttete Baumschnitt-Abfälle werden langsam überwuchert, der Wanderweg ist zugewachsen. Foto: RD

Frank Lammert, Bereich Naturschutz der Hansestadt Lübeck auf Nachfrage von »Travemünde Aktuell« zum aktuellen Sachstand: »Ich hoffe weiterhin, dass es zur Schafwiese kommt. Wir haben das Vorhaben des Landschaftspflegevereins beim Land befürwortend vorgetragen. Die letzte Entscheidung trifft allerdings das Ministerium, da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, Wald »umgewandelt« wird und die Maßnahme etwas Geld kostet.»

TA-Lesetipps zum Thema:

Untenstehend haben wir zwei Artikel aus dem Jahre 2005 für Sie verlinkt, die auf HL-Live.de erschienen sind. Dort sind ebenfalls Videos abrufbar.

www.hl-live.de/aktuell/text.php?id=11031

www.hl-live.de/aktuell/text.php?id=10846


 

 

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