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 KUNST & KULTUR

»So gehet hin und schwimmet anderswo!«

Letztes Geläut für Travemündes Spaßbad-Ruine Aqua-Top an der Schwimmbadkasse

Travemünde 06.03.2010 | Die verschraubte Tür zur Schwimmbadkasse sei kein Problem für ihn, meinte heute Pater Henry von der Kirche der Aquatoppianer. Als heiliger Mann könne er durch Türen und Wände gehen. »Sogar übers Wasser, allerdings nicht im Aqua-Top«, meinte der Pater.

Gibt ein Leben nach dem letzten Wellenschlag? Pater Henry versucht Antworten zu geben. Foto: ROLF FECHNER
Gibt ein Leben nach dem letzten Wellenschlag? Pater Henry versucht Antworten zu geben. Foto: ROLF FECHNER

Im Rahmen des Videowettbewerbs »Free Henry!« wurde am Samstag der Beitrag »Aqua Top – Das letzte Geläut« aufgenommen. Nachdem der Turm der Wasserrutsche als Glockenturm zur Trauerfeier geschlagen hatte, kam die Gemeinde der Trockenschwimmer zusammen, um Abschied zu nehmen vom Travemünder Spaßbad.

TA-Video: Pater Henry führte am Samstag die Trauerzeremonie für das verblichene Spaßbad Aqua-Top durch. Die verrammelte Tür und das abgeschaltete Kassenlicht waren für ihn kein Problem: »Ich bin ja selbst erleuchtet«, meinte er. Ausserdem könne er als heiliger Mann selbstverständlich auch durch Wände und verschlossene Türen gehen (Zum Abspielen bitte klicken – Schneller Internet-Zugang erforderlich).

Der Travemünder Karikaturist Michael Böttger hatte eine Hommage an das Ärzteteam, das sich viele Jahre um den Patienten Aqua-Top bemüht hatte, beigesteuert: Dr. Saxe und Schwester Halbedel. Grade Dr. Saxe hätte für den Patienten alles getan, was in seiner Macht stand, lobte Pater Henry: »Und wir alle wissen, wie begrenzt seine Mittel sind.« Schwester Halbedel habe dann den Stöpsel gezogen. Saxe und Halbedel fanden auf einer Fotomontage im Silberrahmen gemeinsam mit ihrem verblichenen Patienten auf dem Rand der Schwimmbadkasse ihren würdigen Platz. Rechts daneben eine Gurkenglas-Urne mit Schwimmbad-Wasser und den Daten: 14. Mai 1991 (Eröffnung) bis 31. Dezember 2003 (Endgültige Schließung).

 »Liebe Travemünder, wir haben wirklich alles getan, was in unserer Macht stand, aber leider...« Der Travemünder Künstler Michael Böttger würdigte in einer Montage das Ärzteteam Dr. Saxe und Schwester Halbedel, hier gemeinsam mit ihrem verblichenen Patienten. Foto: TA
»Liebe Travemünder, wir haben wirklich alles getan, was in unserer Macht stand, aber leider...« Der Travemünder Künstler Michael Böttger würdigte in einer Montage das Ärzteteam Dr. Saxe und Schwester Halbedel, hier gemeinsam mit ihrem verblichenen Patienten. Foto: TA

Statt einer Urne wurde ein Glas mit Original-Aqua-Top-Schwimmbadwasser aufgestellt, das mit dem Eröffnungs- und Schließungsdatum des Bades versehen war (14. Mai 1991 – 31. Dezember 2003). Frevler hatten allerdings saure Spreewald-Gurken darin eingelegt. Foto: TA
Statt einer Urne wurde ein Glas mit Original-Aqua-Top-Schwimmbadwasser aufgestellt, das mit dem Eröffnungs- und Schließungsdatum des Bades versehen war (14. Mai 1991 – 31. Dezember 2003). Frevler hatten allerdings saure Spreewald-Gurken darin eingelegt. Foto: TA

Die Predigt endete mit dem Segen »So gehet hin und schwimmet anderswo«. Wer sich allerdings amüsieren oder über das Aqua-Top und den Umgang Lübecks mit den Travemündern einmal kräftig auslassen möchte, der sollte auch weiterhin das Travemünder Schwimmbad aufsuchen. Für kommenden Samstag, 13. März, ist eine Podiumsdiskussion an der Schwimmbadkasse angesetzt. Dabei soll über die wirtschaftlichen und touristischen Auswirkungen des Desasters gesprochen werden. Vertreter aus Politik und Wirtschaft sind herzlich eingeladen. TA

Pater Henry wurde für die tolle Trauerfeier gleich mit dem Qualitäts-Siegel der Hansestadt Lübeck geehrt, worüber er sich fast so sehr freute wie über den zweiten Becher Messwein. Foto: ROLF FECHNER
Pater Henry wurde für die tolle Trauerfeier gleich mit dem Qualitäts-Siegel der Hansestadt Lübeck geehrt, worüber er sich fast so sehr freute wie über den zweiten Becher Messwein. Foto: ROLF FECHNER

Die Trauer-Rede von Pater Henry im Originaltext:

Liebe Gemeinde,

wir haben uns heute versammelt um Abschied zu nehmen von einem guten alten Freund, dem Aqua-Top.

Unser Spaßbad litt an einer Krankheit, die schon viele öffentliche Gebäude vor der Zeit aus unserer Mitte gerissen hat.

Eine Krankheit, für die – jedenfalls in Lübeck – bisher kein Heilmittel gefunden ist:

Sanierungsstau.

Ich wollte, ich könnte sagen, es hat nicht lange leiden müssen – aber das wäre wohl untertrieben. Schon vor sieben Jahren wurde die schreckliche Diagnose gestellt.

Ich kann Ihnen versichern, liebe Gemeinde: Dr. Saxe hat alles getan, was in seiner Macht stand. Und wir alle wissen, wie begrenzt seine Mittel sind.

Sogar die Wege der Schulmedizin hat Dr. Saxe verlassen. Versucht, mit jahrelang wiederholten Beschwörungsformeln ein neues Aqua-Top herbeizurufen. Oder doch wenigstens das alte verschwinden zu lassen.

Nachtschwester Halbedel war es schließlich, die den Stöpsel zog, das Aqua-Top vom Tropf nahm und die Lebensader zur Ostsee kappte.

Doch das Aqua-Top ist ein echter Travemünder, es ist zäh. Nachtschwester Halbedel hat daher Anweisung geben, jetzt auch den letzten Lebensfunken zu entmieten.

Natürlich fragen wir uns alle in dieser schweren Stunde: Warum?

Warum unser Aqua-Top und nicht das Schwimmbad Kücknitz oder das Zentralbad in Lübeck?

Das Aqua-Top war doch noch so jung. Aber die Wege der Bürgerschaft sind unergründlich. Man kann sie nicht verstehen, man muss an die Weisheit und Güte der Lübschen Herren glauben – und dass das alles einen verborgenen Sinn hat.

Wir Trockenschwimmer müssen unser schweres Los in Demut annehmen:

Die Lübecker Schwimmbäder haben es gegeben, die Lübecker Schwimmbäder haben es genommen!

Aber es gibt Trost auch in dieser schweren Stunde: Wie in den Lübecker Nachrichten heute geschrieben steht, haben wir ein statistisches Übernachtungsplus. Wir müssen nur daran glauben.

Ja, es gibt ein Leben nach dem letzten Wellenschlag.

Denn eine fulminante Januar-Bilanz in Travemünde, das ist ganz gewiss ein Zeichen:

Dass der Ruinen-Tourismus eine Zukunft hat.

So gehet hin und schwimmet anderswo,

AMEN

Info: Der Videowettbewerb »Free Henry!« fordert alle Bürger auf, sich in Spottreden künstlerisch mit der Situation um Travemündes langjährige Schwimmbad-Ruine auseinanderzusetzen. Die Aktionen werden auf Video aufgezeichnet und über die Videoplattform youtube.de einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Einzelne Beiträge wurden schon über 700mal abgerufen. Der Wettbewerb endet mit Abriss des Aqua-Top. Hauptpreis ist der kleine blaue Schwimmtier-Wal »Henry«, der aus dem leeren Schwimmbad befreit werden will. Zusätzlich gibt es Ehren-Henrys für besonders gelungene Beiträge. Der Videowettbewerb ist eine Initiative des Ostsee-Shops und der Travemünder Presse.

TA-Lesetipps zum Thema:

Henry schwimmt im Dunkeln (05.03.2010)

Weihnachten an der Schwimmbadkasse (28.02.2010)

»Herr Halbedel kümmert sich...« (21.02.2010)

Musiker an der Schwimmbadkasse (13.02.2010)

Wirbel um »Rundes Speakers Corner« (12.02.2010)

Künstler an der Schwimmbadkasse (07.02.2010)

Videowettbewerb »Free Henry!« (22.01.2010)

Externe Links zum Thema:

Wettbewerbsseite www.schwimmbadkasse.de

www.schwimmbadkasse.de


 

 

Dieser Artikel wurde 458 mal seit dem 06.03.2010 aufgerufen.
Letzter Zugriff auf diesen Artikel am 29.07.2010 um 17:37:48 Uhr.
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Kommentar von Wolfgang Hovestädt am 07.03.2010:
Gibt es denn gar kein Mittel? Ist eine Heilung gänzlich ausgeschlossen? Warum kümmert sich denn der unmittelbare Nachbar nicht um den Patienten? Müssen Nachbarn nicht zusammenstehen und nicht nur nebeneinander? Fragen über Fragen. Bleibt nur zu hoffen, dass Dr. Saxe und Nachtschwester Halbedel noch einen Weg finden. Vielleicht könnten wir ihnen den sonst zeigen ;-)

 

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